Bewusste Missachtung eines Hängebeschlusses in Schleswig-Holstein

In seinem Beschluss vom 10. August 2026 (Az. 11 B 147/26) erläutert das Verwaltungsgericht Schleswig, dass in Verfahren des vorläufigen Rechtsschutzes ein (Hänge-)Beschluss bereits mit der telefonischen Bekanntgabe der schriftlich gefassten und von den an der Entscheidung beteiligten Richtern unterschriebenen Beschlussformel wirksam wird. Wenn ein Beschluss derart wirksam telefonisch bekanntgegeben worden sei, müsse eine Behörde ihn befolgen und sei seine Missachtung mit dem in Art. 19 Abs. 4 Satz 1 GG normierten Grundrecht auf wirksamen und möglichst lückenlosen richterlichen Rechtsschutz gegen Akte öffentlicher Gewalt nicht zu vereinbaren, zumal wenn die rechtzeitige Zustellung der gerichtlichen Entscheidung allein aus in der Sphäre der Behörde liegenden Gründen nicht erfolgen könne. Im Übrigen verstoße die Annahme der Behörde, einen verwaltungsgerichtlichen Hängebeschluss aufgrund materieller Einwände gegen den Beschluss nicht befolgen zu müssen, eklatant gegen das Verwaltungsprozessrecht. Es stehe der Behörde nicht zu, sich eigenmächtig über eine gerichtliche Entscheidung hinwegzusetzen, weil sie diese nicht für richtig halte; die Nichtbeachtung der gerichtlichen Entscheidung stelle zugleich einen Verstoß gegen die verfassungsmäßige Bindung der Exekutive an Gesetz und Recht (Art. 20 Abs. 3 GG) dar.

Wilder Westen in Ratzeburg: In dem Verfahren hatte die Ausländerbehörde des Kreises Herzogtum Lauenburg Ende Juli 2026 eine offensichtlich rechtswidrige Abschiebung veranlasst und sowohl den ihr bekannten Umstand des laufenden Eilverfahrens als auch den rechtzeitig ergangenen Eilbeschluss des Gerichts ignoriert, um die Abschiebung fortsetzen zu können. Die Behörde berief sich (Rn. 60) darauf, dass der Beschluss nicht rechtzeitig zugestellt worden sei, was offenbar auf den Umstand zurückzuführen war, dass die Behörde selbst die Abgabe des elektronischen Empfangsbekenntnisses verzögert hatte. Aber auch materielle Erwägungen hätten, so die Behörde, gegen die Ausführung des Hängebeschlusses gesprochen, weil „es nicht sein könne, dass er [der Antragsteller] sich mit einer Scheinehe der Abschiebung entziehe. Außerdem habe er Straftaten begangen. Zudem seien die Kosten einer Abschiebemaßnahme hoch.“ Die Kosten des Vorgehens der Behörde sind deutlich höher, was den Verlust an Vertrauen in rechtmäßiges und rechtsstaatliches Behördenhandeln in Schleswig-Holstein betrifft.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

  • Serbien: Unzulässige Haft und Zurückschiebung von Asylsuchenden an der Grenze

    In dem Fall von zwei afghanischen Beschwerdeführenden, die Anfang 2017 nach Grenzübertritt in Serbien inhaftiert und ohne individuelle Prüfung ihrer Asylanträge nach Bulgarien zurückgeschoben wurden, hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in seinem Urteil vom 3. Februar 2026 (Az. 57175/17), O.H. u.a. gg. Serbien eine Verletzung des Zurückweisungsverbots nach Art. 3 EMRK, des Rechts… Weiterlesen..

  • Aktuelle Gesetzgebung im Herbst 2026

    Herbstzeit ist Erntezeit, und das gilt auch für die Tätigkeit des Gesetzgebers. Was liegt näher als ein kurzer Überblick über neue gesetzliche Regelungen aus Europa und Deutschland im Migrations- und Flüchtlingsrecht. Europa Der wohl endgültige deutschsprachige Entwurfstext der neuen EU-Rückführungsverordnung wurde am 16. September 2026 in einem EU-Ratsdokument veröffentlicht. Der EU-Ministerrat wurde gebeten, die Verordnung… Weiterlesen..

  • Neues Rechtsgutachten: Wie im Asylverfahren die Rechte geflüchteter Menschen mit Behinderungen zu wahren sind

    Dieser Beitrag ist im Rahmen des Projekts UN-Sichtbar – Menschenrechtliche Entscheidungen im Asyl- und Migrationsrecht entstanden. UN-Sichtbar hat bereits mehrere Entscheidungen des UN-BRK-Fachausschusses als Kurzanalysen veröffentlicht. Handicap International e. V. – Crossroads (HI) hat am 17. September 2026 ein neues Rechtsgutachten veröffentlicht, das untersucht, wie Asylverfahren und Schutzentscheidungen im Einklang mit der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ausgestaltet… Weiterlesen..

ISSN 2943-2871